Auch Kraemers vom Wirken des Nationalsozialismus betroffen. Kirchener Heimatverein war vom Andrang überwältigt

„Mit diesem Andrang hatten wir nicht gerechnet“ äußerten sich Dr. Johannes Pfeifer und Hubertus Hensel vom Kirchener Heimatverein unisono, bis auf den letzten Stuhl war der Sitzungsraum in der Villa Kraemer besetzt und die Nachzügler mussten schließlich im Stehen dem folgen, was Dr. Johannes Pfeifer und Martin Kraemer zur bestens bekannten Kirchener Familie ausführten. Angestoßen hatte die Veranstaltung, allerdings ohne es zu ahnen, Martin Kraemer aus der Schweiz mit einer Anfrage zur Geschichte seiner Familie am 17. Januar diesen Jahres. Darin äußerte er sich erstaunt, dass es in Kirchen eine Kraemerstraße gebe und sogar eine Villa Kraemer. Völlig unwissend über die Bedeutung seiner Familie in Kirchen bat er um ein paar Auskünfte, da er sich neuerdings mit Ahnenforschung beschäftige.

Dr. Johannes Pfeifer vom Heimatverein nahm sich der Sache an und stellte eine Fülle von Informationen zusammen.

Entsprechend überrascht war der Schweizer, der auf ein paar erste Hinweise gehofft hatte: „Ich «staune Bauklötze» – wie wir hier bildlich zu sagen pflegen, wie rasch Sie mich mit Unterlagen bedienen. Das lag wohl alles schon auf Ihrem Schreibtisch bereit und wartete nur noch auf die Koordinaten des Zustellungsempfängers!“, schrieb er überwältigt zurück.

Es entwickelte sich rasch ein reger Mailverkehr und Dr. Johannes Pfeifer beschäftigte sich im Archiv des Heimatvereins mehr und mehr mit der Familie der Kraemers, erstellte einen genealogischen Überblick und brachte noch mehr zu Tage, als bisher bekannt war. Dies alles stellte er nun in der Villa Kraemer vor.

„Mit einer Apotheke im Kirchener Oberdorf fing alles 1811 an“, erklärte Dr. Pfeifer den Kirchener Zuhörern und auch den Gästen aus Neunkirchen und der Schweiz, den noch lebenden Nachkommen der Kraemers, unter ihnen auch Ursula Kraemer, 1935 geboren und damit die älteste im Familienrund. Besonders sie erfuhren viel über ihre eigene Vergangenheit, was den Kirchenern ja weithin bekannt ist: Der Apotheker Konrad Heinrich Kraemer (1783-1812) starb schon mit 29 Jahren, eine Jahr nach Errichtung der Apotheke. Sein Sohn Heinrich Hermann Friedrich Kraemer verdiente seinen Lebensunterhalt ebenfalls als Apotheker und auch dessen Sohn Otto Karl Ferdinand, der spätere Gerbereibesitzer. Dessen Brüder Robert Heinrich Theodor (1842-1907) und Justus (1845-1875) betrieben die Pulverfabrik in Euteneuen und die Elektrizitäts- und Wasserwerke AG auf den Siegwiesen. Dr. Pfeifer wies noch einmal auf die frühe Elektrifizierung in Kirchen als Folge dieser unternehmerischen Tätigkeiten der Kraemer-Brüder hin und auf das Engagement von Heinrich Kraemer im Reichstag und als Bürgermeister von Kirchen. Schon durch den Bau diverser Villen bleibt die Familie Kraemer den Kirchenern in bestem Gedächtnis, allen voran der Villa Kraemer, deren Bau der Gerbereibesitzer Otto Kraemer veranlasste. Weniger bekannt ist dagegen, wie der Nationalsozialismus auch der Familie Kraemer zusetzte. So fand Dr. Pfeifer heraus, dass Justus Kraemer, der Sohn von genanntem Otto Kraemer, wohl „etwas anders war“ – heute würde man sagen autistisch veranlagt – und deshalb in die Heil- und Pflegeanstalt Hausen an der Wied gebracht wurde und von dort später nach München Harr überführt wurde, wo er in einem sogenannten Hungerhaus am 28. Juli 1943 verstarb. Er war der nationalsozialistischen Verordnung zur Vernichtung unwerten Lebens zum Opfer gefallen.

Auch ein weiterer Sohn von Otto Kraemer, Richard Kraemer, musste die Macht der Nationalsozialisten spüren, wie Martin Kraemer aus der Schweiz nun mit Blick auf seine direkten Vorfahren ausführte. Richard Kraemer studierte Theologie und wirkte als promovierter Theologe lange Zeit in Nümbrecht als Pfarrer. Von dort wanderte er 1919 in die Schweiz aus, wo er 1928 den Einbürgerungsantrag stellte. Dr. Richard Kraemer bewarb sich mehrmals auf eine Professur an deutschen Universitäten, wurde aber aufgrund seiner freiheitsliebenden Vorstellungen und der damit einhergehenden Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie jeweils abgewiesen. Dr. Richard Kraemer ist der Begründer der schweizer Linie der Kraemers, führte sein Enkel Martin Kraemer aus, der sich regelrecht begeistert zeigte von dem Echo auf diese Veranstaltung in Kirchen und den anschließenden Gesprächen über die Kraemers in Kirchen. Die letzten Hoffnungen, den Namen der berühmten Kirchener Familie weiter zu erhalten, liegen nun auf dem ebenfalls in der Schweiz lebenden und auch anwesenden Dr. Conradin Thomas Kraemer, Baujahr 1981, da die letzten Kraemers ausschließlich Mädchen in ihrer Linie haben, wie Reinhard Kraemer aus Neunkirchen-Struthütten bemerkte. Die genealogischen Betrachtungen brachten jedoch zum Erstaunen der Anwesenden auch noch andere Seiten der Familie Kraemer hervor: Alle strebten auf außergewöhnliche Art und Weise ein Studium an oder die Selbstständigkeit, meist mit Erfolg. Ob dies das calvinistische Gen ihrer Vorfahren ist, bedarf noch einer gesonderten Untersuchung.

Martin Kraemer, selbst Jurist, schloss die Veranstaltung mit einem Zitat seiner Mutter, welches ihm über die Jahre keine Ruhe gelassen hatte und ihn letztlich zu seiner Zeitreise in seine familiäre Vergangenheit bewegt hatte:

„Die beiden Bodenschätze schaffen etwelchen Reichtum. Vier mit einander verwandte Familien haben es verstanden, zu Wohlhabenheit und Ansehen zu kommen. Sie sind die Besitzer der schönen Landhäuser.
Den Bewohnern dieses Grenzlandes zwischen Westfalen und Rheinland ist eigen, dass sich in ihrem Wesen die schwerere Natur der Westfalen mit der heiteren Aufgeschlossenheit der Rheinländer gepaart hat.
Sie sind bodenständig, zuverlässig und frohmütig zugleich, eine günstige Mischung.

Eines der schönsten und grössten Landhäuser im grossen Dorf, das sich vom Siegerfluss weit hinauf zur Höhe erstreckt, hat einen geräumigen Hof, und das Ganze ist von einem grossen Garten umschlossen.»
Und ich denke fast: Da befinden wir uns – hier und heute, nach Jahr und Tag seit sie dies geschrieben hat!“

Quelle: Verein

Schweizer Kraemer

Bild: (vor dem Erbauer der Villa, Otto Kraemer)

Von links: Martin Kraemer, Ursula Kraemer, Dipl. Ing. Reinhard Kraemer, Dr. Conradin Thomas Kraemer (Schweiz), Dr. Johannes Pfeifer.