Wie Kirchen und Betzdorf den Nazi-Gräueln gedenken

Reichsprogromnacht

In der Region erinnern Bürgerinnen und Bürger an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitmenschen vor Ort.
Zeitzeugen, Schüler und Vertreter der Stadt mahnen, Antisemitismus und Ausgrenzung heute entschieden entgegenzutreten

Von Rainer Schmitt                                                 Siegener Zeitung 11. November 2025

KIRCHEN/BETZDORF. Die Gräueltaten der Nationalsozialisten haben nicht irgendwo weit entfernt stattgefunden. Der Hass und die Hetze haben sich auch hier vor der eigenen Haustüre abgespielt. Jüdische Mitbürger wurden vertrieben und ermordet. Ihrer gedachten die Menschen in zwei Veranstaltungen im Oberkreis.

Im Heimatmuseum Kirchen erwähnte Dr. Johannes Pfeifer, stellv. Vorsitzender des Heimatvereins, dass mit 100 Menschen so viele teilnahmen wie noch nie. „Wir sind hier, um zu erinnern und zu mahnen“, sagte Bürgermeister Andreas Hundhausen am 9. November: „Was in jener Nacht geschah, war kein plötzlicher Ausbruch von Gewalt, sondern das Ergebnis jahrelanger Hetze, von Ausgrenzung, von Gleichgültigkeit und vom Schweigen der vielen.“ Ausgrenzung stand nun im Fokus: Schüler der IGS Betzdorf-Kirchen berichteten von ihren eigenen, schmerzenden Erfahrungen – und: „Nur wenn wir gemeinsam als Schulgemeinschaft ein Ort sind, an dem Zusammenhalt selbstverständlich ist, können wir zu einem Beispiel für eine Gesellschaft werden, in der gegenseitiger Respekt, Toleranz und echtes Miteinander nicht nur Worte, sondern gelebte Werte sind.“ Schüler des Gymnasiums Betzdorf erinnerten an das Schicksal der Euthanasieopfer in der Verbandsgemeinde Kirchen, die u.a. in Hadamar ermordet wurden.

In seinem Vortrag sprach Pfeifer über Opfer der „stillen Euthanasie“ aus dem Kreis Altenkirchen. Karl-Heinz Dorka, Peter Zöller und Ingo Giesa bereicherten das Gedenken mit Liedern, u.a. mit „Der Immigrantenchoral“, aber auch mit einem Lied von Josh Waletzky. In „Geflohene gemeinsam“ arbeitet er seine Fluchterfahrungen auf. „Die Reichspogromnacht war der brutale Auftakt zu einem finsteren Kapitel der deutschen Geschichte, das in den Holocaust und in die Vernichtung von Millionen von Menschen mündete“, sagte Stadtbürgermeister Johannes Behner bei der Gedenkveranstaltung im Betzdorfer Rathaus, an der rund 50 Menschen teilnahmen. „Wir erinnern uns an die vielen, die sich der Gewalt widersetzten, den Mut aufbrachten, Zivilcourage zu zeigen, auch wenn ihr eigenes Leben in Gefahr war.“ Die Verantwortung liege in jedem Einzelnen, nämlich in der Haltung gegenüber anderen Menschen, im täglichen Handeln.

„Es ist unsere Aufgabe, uns gegen Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung zu stellen, wo immer wir diese sehen – sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder in den sozialen Medien“, so Behner.

Gerd Bäumer, Geschäftsführer des Betzdorfer Geschichtsvereins, erzählte vom Schicksal der Betzdorfer Juden. Bei dem von Schülern des Gymnasiums Betzdorf musikalisch umrahmten Gedenken machte Landrat a.D. Michael Lieber seine entschiedene Meinung zum Staat Israel deutlich: „Wer das Existenzrecht des Staates Israels leugnet, ist ein Antisemit.“ Er betonte, dass man Antisemitismus in diesem Land nicht dulden müsse. „Unsere Verantwortung vor der Geschichte muss sein, dass wir für das Existenzrecht des Staates Israels auf allen Ebenen eintreten“, betonte der Landrat a.D. Man müsse den unsäglichen antisemitischen Allianzen entgegentreten. Lieber blickte auch auf jene Zeit zurück, als die Nationalsozialisten mit Hass und Hetze und Gräueltaten die jüdischen Mitbürger vertrieben und ermordeten. Er erinnerte u.a. an die jüdische Familie Tobias, die einst in Betzdorf lebte, und rezitierte Gedichte der deutschsprachigen Lyrikerin Mascha Kaléko (1907–1975).

Im Anschluss wurden an der Gedenkrosette an der Viktoriastraße ein Kranz und ein Gebinde abgelegt, von Stadtbürgermeister Behner sowie den Jusos und den Grünen. Ein stilles Gedenken schloss sich an.